Synagoge am Bornplatz ist so zeitgemäß 
wie ein amerikanischer Straßenkreuzer

Wiederaufbau ist politisch und gesellschaftlich nicht zu rechtfertigen

Hamburg, 6. September 2022. Antisemitismus ist wie ein Krebsgeschwür, das meist chirurgisch entfernt werden muss. Der naive Glaube auf heilende Wirkung dieser klischeebehafteten Gesinnung durch Wiederaufbau der 1938 zerstörten Synagoge am Bornplatz ist völlig absurd. Das ist, als würde man die Streuung von Metastasen durch Einpflanzung weiterer Tumorzellen verhindern wollen.

Die 130-Millionen-Investition ist so zeitgemäß wie ein benzin-schluckender Straßenkreuzer. Gesellschaftlich könnte sie gar zu einem neuen Booster für antijüdische Ressentiments werden, weil man die aktuell weitreichenden Folgen durch den Ukraine-Krieg sträflich ignoriert. Die entscheidende Frage: Wie wollen die Initiatoren ihre Forderungen bei weit überschuldeten Staatskassen und einer fast zweistelligen Inflation mit explodierenden Energiepreisen rechtfertigen?

Die Diskussion um ein neues Bauwerk an diesem Standort vermittelt den öffentlichen Eindruck, als stünde die Mehrheit der Juden hinter diesem Vorhaben. Dem ist gewiss nicht so!

Von den rund 200.000 jüdischen Bürgern in Deutschland gehören nicht einmal die Hälfte den rund 100 angeschlossenen Gemeinden des Zentralrates an. Die knapp 2.500 Mitglieder in Hamburg sind bislang keineswegs in die Planungen von Rabbiner und Vorstand eingebunden und nur sehr spärlich über das Konzept informiert worden. Daher bekräftigt sich der Eindruck, als wollten sich die Initiatoren im historischen Umfeld von Rabbiner Joseph Carlebach ein persönliches Denkmal im Grindel setzen.

Die dringend erforderliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus erfordert „Neues Denken und Handeln” auch bei den Funktionären im Gemeindewesen. Der Wandel vom Juden in Deutschland zum deutschen Juden basiert auf Integration statt Ausgrenzung. Deutschland ist kein vorläufiges Asyl, sondern unser Zuhause, das ein aufrichtiges Bekenntnis erfordert.

Als Sohn jüdischer Eltern und gebürtiger Hamburger hätte ich mir von der Stadt den Wiederaufbau der Synagoge am Bornplatz in finanziell besseren Zeiten gewünscht. Das war – aus welchen Gründen auch immer – nicht gewollt. Heute wäre es geradezu kontraproduktiv, wollte man dieses Versäumnis unter den aktuellen Umständen tatsächlich nachholen.

 

 

 

© 2024 Michel Rodzynek. Alle Rechte vorbehalten. 

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