
...und so fing alles an
Die Faust traf ihn mitten ins Gesicht. Blut sickerte aus seinen Nasenlöchern. Er hob seine rechte Hand und schrie »Judensau, Judensau«. Ich schlug noch einmal zu. Wieder ins Gesicht. Direkt auf sein Schandmaul. Der Junge sank zu Boden. Um uns herum standen mehrere Mitschüler, die mit Entsetzen das Geschehen verfolgten und etwas auf Abstand zu mir gingen. Als hätten sie Angst, ich würde sie ebenfalls verprügeln.
Der Vorfall ereignete sich in meiner Schulzeit. Ich war damals etwas über 16 und erst seit wenigen Wochen auf einem norddeutschen Internat in der Nähe von Bremen.
Dass ich Jude war, sprach sich schnell rum. Für alle anderen Mädchen und Jungen in meiner Klasse war das kein Thema. Einige beneideten mich dafür sogar ein bisschen, weil ich somit vom Religionsunterricht befreit war.
Aber es gab auch eine Ausnahme. Ein Kerl aus der 12b. Er war fast 18 und stammte aus einem Kaff in Baden-Württemberg. Sein Vater war ein mittelständischer Unternehmer, der seinem Sohn nicht nur die Fettleibigkeit vererbt hatte. Hermann war zu einem überzeugten Jungnazi erzogen worden. Aggressiv und geistig verseucht. Er schwärmte unentwegt für Hitler und Goebbels. Hermann hasste ganz besonders das Judentum und den Staat Israel. Ebenso verspottete er Farbige als „Affenärsche“ und „Bimbos“. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Streit zwischen uns kommen würde.
Es passierte an einem kalten Dezember-Tag in der großen Pause um 10 Uhr. Fast immer verbrachten wir die 20 Minuten am Ufer der Wümme. Ein schmaler Fluss, der seinen Ursprung in der Lüneburger Heide hat und bei Hamme in einen Nebenfluss der Weser mündet.
«Gib mir mal ´ne Fluppe«. Mit einem provozierenden Grinsen stand Hermann vor mir. Widerwillig gab ich ihm eine Zigarette und ging ein paar Meter weiter. Er folgte mir.
«Du bist doch Jude, nicht wahr? Soll ich dir mal einen guten Witz erzählen?«
Bevor ich antworten konnte, fuhr er fort.
«Weißt du, wie viele Juden in einen VW passen?«
Hermann ignorierte meinen warnenden Blick und erzählte belustigt weiter.
«Na, mindestens 50. Sechs auf den Sitzen und der Rest im Aschenbecher. Hahaha.«
Sein hämisches Lachen war schnell verstummt, als er blutverschmiert auf der gefrorenen Erde eines eiskalten Wintertages lag. Noch am selben Nachmittag erschien sein wütender Vater in der Schule und forderte meinen sofortigen Rauswurf. Dass es nicht dazu kam, verdankte ich einem mir sehr wohlgesonnenen Klassenlehrer. Er konnte den aufgebrachten Direktor mit dem Risiko eines öffentlichen Skandals umstimmen, sofern die Hintergründe einer Verweisung bekannt werden würden. Nein, Antisemitismus könne gerade an einer Schule nicht toleriert werden.
»Wollen wir etwa einen jüdischen Schüler nach Hause schicken, weil dieser sich mit gutem Grund gegen volksverhetzende Beleidigungen wehrt? Die Nazis haben fast seine ganze Familie ermordet; sein Vater war in Auschwitz, seine Mutter in einem anderen Vernichtungslager. Wenn hier jemand fliegen sollte, dann wohl der andere Junge.«
Da die Mehrheit des Lehrerkollegiums der gleichen Ansicht war, musste Hermann das Internat verlassen.
Viele Jahre später erzählte ich einem Verwandten in Israel von dieser Geschichte und meinem damaligen Klassenlehrer Kurt. Er war nicht nur mein Fürsprecher, sondern auch mein wichtigster Lehrmeister. Niemand konnte mich mehr motivieren oder hatte größeren Einfluss auf mich. Er förderte meine Begabung zum Schreiben und legte in diesen beiden letzten Schuljahren den Grundstein für meine spätere Karriere als Journalist.
Mein Lehrer Kurt gehörte für mich auch zu den Leitfiguren eines neuen Deutschlands, in dem Gestalten wie dieser Hermann nur Ausnahmen waren. Hässliche und unbelehrbare Randerscheinungen ohne jegliche Bedeutung. Zumindest damals. Heutzutage ist das leider nicht mehr so; die Zeit hat einmal mehr vieles verändert. Auch die Gesinnung in unserer zunehmend gespaltenen Gesellschaft. Kurt hätte sich in unserer aktuellen Welt gewiss nicht wohl gefühlt. Sie wäre ihm sehr fremd.
Unser letztes persönliches Zusammentreffen war anlässlich meines 50. Geburtstages. Wenig später verstarb Kurt. Oft muss ich an meinen besonderen Lehrer und unvergesslichen Freund denken. Er war eine zentrale Säule in meinem Leben.
Dass ich einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend in Internaten verbringen musste, verdanke ich insbesondere der zweiten Ehefrau meines Vaters. Für sie war ich ein Fremder aus dem Vorleben ihres Ehemannes, der bedauerlicherweise zugleich mein Vater war.
In Ingrids Zuhause war kein Platz für mich, meine Anwesenheit war von Anfang an unerwünscht. Sie war eiskalt, herzlos und einfältig. Entscheidend für sie war das Etikett, nicht der Inhalt. Ich verpasste ihr den Namen Eva Braun.